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Brighton 1

Queen Viktoria

Verdammte Franzosen. Verdammte Indianer. Verdammte Iren. Verdammter Großonkel. Der dritte George in Folge. Der hatte sich lieber in seinem Seebad vergnügt, anstatt sich um die Kolonisten in Übersee zu kümmern. Die Stimmung dort drüben war ohnehin schon angeheizt, musste er auch noch Extrasteuern einführen.

Queen Victoria rührte im Tee. Ein warmer Dampffaden umschmeichelte ihre Nase. Immer, wenn sie Tee trank, dachte sie an ihren Großonkel. Und sie trank ständig Tee. Geisteskrank war er geworden, der gute George, sprach stundenlang mit Schaum vor dem Mund bis er heiser war. Einem Baum hatte er die Hand schütteln wollen, weil er ihn für den preußischen König gehalten hatte. Das war schlimm. Viel schlimmer aber war, dass er in den Kolonien auf Zölle verzichtet hatte. Grundsätzlich ja keine schlechte Idee. Nur warum er ausgerechnet die Teesteuer davon ausgenommen hatte, verstand sie immer noch nicht. Im Hafen von Boston war es dann passiert. Als Indianer verkleidet schütteten die Rebellen kistenweise Tee ins Wasser. Einst waren das Briten gewesen. Landsleute!!! Verrohten und verdreckten dort drüben in den Urwäldern. Verloren Anstand und Respekt. Victoria seufzte.

Schön wäre es gewesen, diese Urwälder zu besitzen, von ihr aus gern mitsamt der Abtrünnigen und der Indianer – den einen hätte sie Manieren beigebracht, von den anderen war inzwischen ohnehin nicht viel mehr übrig als ein Haufen verbrannter Tomahawks. Natürlich hatte Großonkel Georgie nach dem Zwischenfall mit dem Tee den Hafen für den Handel sperren und ein paar Truppen aufstellen lassen. Nur mit dermaßen viel Widerstand hatte er nicht gerechnet. Schon gar nicht mit einem Krieg. Und jetzt waren sie futsch, alle dreizehn Kolonien. Ein weißer Fleck auf ihrem Globus.

Mit dem Teelöffel zog sie die Landesgrenzen zum Meer hin nach. Beliebter weißer Fleck. Besonders die Iren liebten ihn. Sie zogen alle dorthin, nahmen die Reise übers Meer auf sich, nur wegen ein paar verfaulter Kartoffeln. Helfen hatte sie ihnen wollen, ein bisschen Landsitz erwerben, den Großgrundbesitzern in die Suppe spucken. Aber das wäre ihr wieder als Landlord-gebaren ausgelegt worden. Sollten sie doch schauen, wo sie blieben, diese verdammten Iren. Mit den Fingern spazierte sie über Land: Schön hätten sie sich gemacht, diese Staaten: Pensylvania, Maryland, Massachusetts, New York, New Jersey … Sie ließ die Weltkugel kreiseln und nahm ein Schlückchen. Der Tee war bitter.

Großonkel Georgie hatte seine Herrschaft an seinen Sohn übergeben, dem Vierten George in der Reihe. Besser war der aber auch nicht gewesen. Fettleibig und opiumsüchtig warf er das Geld zum Fenster raus, lebte extravagant und hoffte, Gott würde seine royale Seele retten. Falsch gedacht. Auch er musste seinen fetten Hintern erheben.

Im vorgewärmten Thron nahm Onkel Willi Platz.

Die Unabhängigkeitserklärung hatte schon Druck gehabt, das musste Victoria neidlos anerkennen und vor diesem Washington zog sie, wenn auch widerwillig, ihre Witwenhaube. Trotzdem. Hätte sie ein bisschen mehr Zeit gehabt, hätte sie die unabhängigen Staaten wieder abhängig gemacht, so wie Indien, Ägypten, Betschuanaland, Britisch-Ostafrika, Britisch-Somaliland, Britisch-Togoland, Britisch Westafrika mit Gambia, die Goldküste, Nigeria, Sierra Leone, Britisch-Kamerun. Sie versetzte der Weltkugel auf ihrem Schreibtisch einen Stoß. Mauritius, Njassaland, Nordrhodesien, Sansibar, Sengambia, Seychellen, Südafrika mit der Kapkolonie, der Kolonie von Natal, der Oranjefluss-Kolonie und Transvaal, Südrhodesien, Südwestafrika, St. Helena, Ascension, Tristan da Cunha, Tanganjika, Tanger, Uganda, Bermuda, British Columbia, Kanada, Neufundland, Vancouver Island, Britisch Honduras, Anguilla, Antigua und Barbuda, Bahamas, Barbados, die Britischen Jungferninseln, Dominica, Grenada, Jamaika, Kaimaninseln, Leeward Islands, Montserrat, St. Kitts und Nevis, St. Lucia, St. Vincent und die Grendatinen, Trinidad und Tobago, die Turks und Caicosinseln, Windward Islands, Britisch Guayana, die Falkland-Inseln, die Kolonie Aden, das Sultanat von Shihr und Mukalla, Bahrain, Bhutan. Sie nahm einen Schluck Tee. Britisch-Indien, bestsehend aus Indien, Pakistan, Bangladesch und Birma, die indischen Fürstenstaaten, ihr Territorium im Indischen Ozean, Brunei, Birma, Ceylon, Hongkong, Irak, Katar, Kuwait, Unfederated Malaysia, Federated Malaysia. Der Globus verlangsamte seine Fahrt. Die Malediven, Nord-Borneo, Oman, Palästina, Sarawak, Singapur, die Straits Settlements, Transjordanien, die Trucial States (eine Vereinigung von sieben arabischen Emiraten), Weiha. Sie gab der Weltkugel neuen Schwung. Gibraltar, Helgoland, die Ionischen Inseln, Irland, die Isle of Man, die Kanalinseln, Malta und Zypern. Sie versetzte dem Globus erneut einen Stoß. New South Wals, Queensland, South Australia, Tasmanien, Victoria, Western Australia, Britisch Neuguinea, das Territorium Neuginea, die Cookinseln, die Elliece-Inseln, Fidschi, die Gilbert-Inseln, Nauru, die Neuen Hebriden, Neuseeland, die Pitcairninseln, die Salomonen, Tonga und Westsamoa. Sie stellte die Teetasse ab und wollte sich zurücklehnen. Ach herrje, die Bouvetinsel und die Falklandinseln in der Antarktis vergaß sie immer. Eines Tages würden ihr die noch abhandenkommen, wenn sie nicht aufpasste.

Sie herrschte über ein Drittel der Weltbevölkerung. Sie hatte zehn Premierminister und sieben Attentate überlebt. Sie hatte Albert begraben. Vierzig Jahre waren seither vergangen. Walter Bagehot, dieser Hurensohn von einem Zeitungsherausgeber warf ihr vor, dass ihr langer Rückzug aus dem öffentlichen Leben der Popularität der Monarchie fast ebenso großen Schaden zugefügt habe, wie der unwürdigste ihrer Vorgänger es durch seine Lasterhaftigkeit und Leichtfertigkeit getan hatte. Wütend stellte sie ihre Tasse ab und hatte große Lust Walter Bagehot an den Galgen zu knüpfen.

Mit dem goldenen Teelöffel klopfte sie auf Australien als wäre es ein Frühstücksei. Sie klopfte auf die Vereinigten Staaten – sie hätte das nicht vergeigt, sie nicht. Sie hätte Amerika zurückerobert. Sie war das Empire. Sie war unangreifbar. Und sie stand an der Schwelle.

1900. Oh Belle Epoque. Zuversichtlich blickte sie einem leuchtenden Jahrhundert entgegen: Die Weltausstellung in Paris: elektrifizierter Götterfunke, die erste Rolltreppe, der Tonfilm, mit Erdnussöl betriebenene Dieselmotoren. Die Grammophon Company würde noch im Jänner das Logo „His Master’s Voice“ schützen. Der Daily Express und Coca Cola würden auf der Bildfläche erscheinen. Was sollte da noch schiefgehen? Nur ein paar Bauern mussten noch niedergerungen werden – die Boxer in China und die Buren in Südafrika. Aber das dürfte weiter kein Problem sein.

Schuld an dem Stress mit den Buren war dieser Hirtenjunge, der 1869 auf einer Farm in der Gegend von Hopetown über einen Stein gestolpert war, der milchig schimmerte. Der Junge steckte ihn ein und schenkte ihn seiner Schwester. Später bekam der Stein den Namen „The Star of South Africa“, ein Diamant von 82,5 Karat. Logisch, dass danach die ganze Welt drauflos stürmte, um Südafrika umzuschaufeln. Leider zeigten die Nachfahren holländischer Seefahrer nicht die geringste Neigung ihren Reichtum mit den Engländern zu teilen. Vier katastrophale Niederlagen um den Jahreswechsel. Und das britische Unterhaus hatte nicht vor den Krieg zu beenden. Recht so. General Lord Kitchener würde die Buren jagen, ihre Farmen niederbrennen, die Felder verwüsten und Ernten vernichten. Für die heimatlosen Frauen und Kinder würde er „zu ihrem eigenen Schutz“ Konzentrationslager erfinden. 27 000 würden sterben. Das war’s dann. Diese verdammten Burenkriege würden die allerletzte Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts sein.

Nur die Boxer in China mussten noch niedergerungen werden – eine Horde langhaariger, zerlumpter Bauern; junge Chinesen, die sich zu Kampfbünden zusammengeschlossen hatten und mit Hilfe eines magisch inspirierten Faustkampfs böse Mächte bannen wollten. Dürre, Überschwemmungen, die Überbevölkerung und die Wut auf ausländische Missionare hatten die Boxer zur Massenbewegung werden lassen. Sie zerstörten Neues und Fremdes – Telegraphenmasten, Eisenbahnschienen und Bergwerke. Der Kaiserinwitwe gefiel das. Natürlich. Den Chinesen konnte man einfach nicht trauen. Mit ihrer Unterstützung zogen die Boxer mit Schwertern und Lanzen gegen die Armeen der Großmächte aufs Feld. Es würde 3000 Briten, 8000 Japaner, 4800 Russen, 2100 Amerikaner, 800 Franzosen, 58 Österreich und 35 Italiener brauchen, um die Belagerung zu durchbrechen. Mehr würde nicht kommen. Das neue Jahrhundert würde besser sein als das alte. Dessen war sie sich sicher.

Das neue Jahrhundert wurde genau zweiundzwanzig Tage alt. Dann starb Queen Viktoria.

Sie verweste fröhlich vor sich hin, als der Konflikt mit den Buren die gesetzlich verankerte Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung zur Folge hatte. Sie wurde von Würmern zerfressen, als in London die spanische Grippe ausbrach. Die Bakterien setzten ihr erst recht zu, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Zu gern hätte sie mitgefeiert, als ihr Enkel, übrigens wieder ein George, der fünfte diesmal, seinen Sieg über das Osmanische Reich feierte – dieser Lawrence von Arabien war aber auch ein Vollbluthengst.

Victoria war nicht einmal mehr Haut, sondern nur noch Knochen, als Palästina unter britische Herrschaft fiel. Ihre Nachkommen machten den Arabern falsche Versprechungen, um sie vor dem heraufziehenden Zweiten Weltkrieg auf ihre Seite zu ziehen. Nicht schlecht, vielleicht, aber auch ein wenig kurzsichtig. Nur Lawrence von Arabien plagte manchmal, tief in der Nacht, ein klitzekleines Schuldgefühl. Aber der kam, Gott sei Dank, mit seinem Motorrad von der Straße ab, lag sechs Tage im Koma und leistete seither Victoria Gesellschaft, während zwischen Israelis und Palästinensern ein Flächenbrand entstand, der hunderte Jahre brennen sollte. Löschfahrzeuge waren keine in Sicht. Ganz tief hatte Victoria es immer schon geahnt: Die Welt war immer schon aus den Fugen geraten. Verdammte Engländer. Verdammte Russen. Verdammte Chinesen. Verdammte Amerikaner. Verdammte Juden. Verdammte Araber … Die einzige Freude war ihr neuer Ur-ur-ur-ur-ur-Enkel. Das war auch ein George, der Siebte.