Das Ende

ACHTUNG SPOILER!!!

Das soll nur für die sein, die das Buch zu Ende gelesen haben.

Wer das Buch zu Ende gelesen hat, weiß, dass Marlene nach einer schweren Operation, bei der nicht alles planmäßig gelaufen ist, intensiv träumt. Ich wollte, dass die Bilder in ihrem Traum nicht willkürlich gewählt sind, sondern in Bezug auf ihr Leben stimmen. Deswegen habe ich mich mehrmals mit der Traum-Expertin Martha Müller in Dornbirn getroffen. Sie ist Vorarlbergs einzige zertifizierte Fachfrau für Traumarbeit. Ihre mehrjährige Ausbildung absolvierte sie bei Ortrud Grön in der Lauterbacher Mühle, einer kardiologische Privatklinik südlich von München. Ortrud Grön ist 90 Jahre alt und die wohl angesehenste Traumforscherin Deutschlands. Ihre Forschung bewegt sich auf wissenschaftlichem Niveau und grenzt sich stark von esoterischen Zugängen ab.

Gegen das Wort „Traumdeutung“ reagieren die Experten allergisch. Oft kommen Menschen mit den Worten auf sie zu: „Ich habe von einer schwarzen Katze geträumt. Was heißt das jetzt?“ Die Gefahr, einem anderen eine Erklärung vorschnell überzustülpen, ist dabei groß. Der Traum von einer Katze bedeutet für einen Tierliebhaber etwas anderes, als für jemanden, der das räudige Vieh seines Nachbarn am liebsten aus dem Weg räumen will. Auf zahlreichen Internetseiten erhält man per Mausklick die Deutung für sein Traumbild. So einfach geht es nicht. Ein Traumbild muss man sich erarbeiten und kann nur von der Person, die ihn geträumt hat, entschlüsselt werden. Der Träumende spürt und entscheidet, was stimmt. Deswegen gelten die Bilder und Symbole, so wie ich sie hier entschlüssle, ausschließlich für Marlene, der Hauptfigur meines Romans.

 

Die Fahrt ins Ungewisse

Nachdem sich Marlene für den roten Koffer entschieden hat, ohne zu wissen, was darin ist und wofür er gut ist, fährt sie ins Unbekannte. Sie macht eine Reise in Verheißungsvolles, was sie bisher aufgrund ihrer Herzkrankheit nicht konnte. Sie kommt in abgelegenes Gebiet. Warum sind da keine Menschen? Warum kein Leben? Das symbolisiert die Bewusstwerdung ihres bisher ungelebten Lebens.
Die Eltern stehen nicht zufällig unter einer Trauerweide. Marlene fühlt Trauer. Sie lässt Altes los. Sie verabschiedet sich von ihren Eltern. Sie weiß nicht, ob es ein Abschied für immer sein wird.  

 

Trockenheit und Regen

Trist und öde zeigt sich die weite Ebene, durch die sie fahren. Die sengende Sonne hat das Flussbett ausgetrocknet und das Gras verbrannt. Keine Tiere. Keine Häuser. Kein Leben. Die Erde ist unsere schöpferische Kraft. Die verbrannte, ausgetrocknete Ebene symbolisiert Marlenes Seelenzustand. Sie muss die Trockenheit durchstehen. Erst am Ende des Traums, als sie bereit ist, sich auf den Weg ins Bewusstsein zu machen, fängt es an zu regnen. Der Regen bringt neue Kraft und neues Leben. 

 

Traktor mit Mist

Viktor überholt einen Traktor mit Mist. Damit düngt man die Landschaft. Mist steht also für einen Neubeginn – aus der alten Scheiße entsteht Dünger für neues Leben. Es symbolisiert den Aufbruch. Aber dieser Traktor verliert Mist: Marlene wollte immer wieder neu beginnen, hat es aber nicht geschafft. Vieles von dem, was sie wollte, ging ihr verloren. Es ist ein Hinweis auf ihre Frustration: Marlene hat so viel probiert, aber aufgrund ihrer Krankheit musste sie immer wieder aufgeben. 

 

Radfahrer

Ein Radfahrer ist in Balance, bewegt sich stimmig vorwärts, aber einer der Radfahrer, die Viktor überholt, ist aus der Balance geraten – sein Helm ist verbeult und Pflaster kleben auf seinen Knien. Er symbolisiert, wie oft Marlene schon gestürzt ist und wie viel Glück sie schon hatte. Trotz all der Verletzungen gibt sie nicht auf und zeigt großes Durchhaltevermögen.
Die Geschichte ist eine Reise durch die Zeit, in der sie sich ihr unbewusstes Leben bewusst macht. Bewusstwerdung ist oft schmerzhaft. Die Radfahrer in Marlenes Traum sind zäh. Die orangen Helme symbolisieren Lebendigkeit und Harmonie. Ihr wird bewusst, wie viel Harmonie sie in ihrem Leben hat. Die Helme sind aber auch Schutz für den Kopf. Marlene hat durch ihre Eltern viel positive Kraft und Schutz bekommen, die sie durchhalten lassen. 

 

Nadelbäume

Blätter eines Laubbaumes sind offen und entfaltet. Nadeln sind zusammengerollt und spitz. Nadelbäume sind ein Bild für etwas, das man in der Kindheit nicht entfalten konnte. Marlene fährt mit Viktor durch Säulenhallen aus Nadelbäumen, also durch Ängste aus der Kindheit.

 

Blühende Wiesen

Marlene wünscht sich, endlich blühen zu können.

 

Gravitation

Marlene hat das Gefühl, auf der Fahrt zur Villa abzuheben wie Astronauten auf dem Mond. „Als ob die Gravitation hier schwächer war als anderswo.“ Die Herzschwäche bedeutete in ihrem realen Leben, nicht mit genügend Sauerstoff versorgt zu werden. Sie bekam zu wenig, zu dünne Luft. Die Gravitation stimmt also nicht mehr. Sie muss sich vorsichtig bewegen, sonst fliegt sie davon. Nur die tief Verwurzelten können sich hier festhalten. Hier gibt es keine Vögel. Es das Gefühl, behindert zu werden.

 

Selbstschussanlage, Privatbesitz

Marlene hat im Laufe ihrer Krankheit viele Schutzmechanismen aufgebaut, um sich vor Eindringlingen und vor schlechten Nachrichten zu schützen. Sie ist ihr eigenes Minenfeld, würde sich manchmal am liebsten selbst zerstören und versucht, sich aus lauter Angst, noch mehr zu schützen.

 

Die Villa

So wie das Haus in Marlenes Traum aussieht, wohnt sie in sich. Marlene erlebt die Villa als Paradies und als Horror gleichzeitig, als mächtig und verfallen, als stark und schwach. Das Gebäude symbolisiert die Situation, in der sie steckt. Zwischen Leben und Tod. Zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Ein Gebäude, einst schön und voller Leben, das kurz davor steht, entweder einzustürzen oder neu aufgebaut und renoviert zu werden.

 

Viktor, Chauffeur, Jäger, Herzchirurg

Viktor ist zuständig für alles Grobe in der Villa. Der Name Viktor bedeutet Sieg. Viktor hat große, starke Hände und verkörpert die Figur des Arztes, der ihr das Herz einer Toten einsetzt. Sie erlebt ihn ambivalent. Er überwacht sie im realen Leben wie im Traum, tut das aber nicht, weil er böse ist, sondern weil er ihr Leben retten will.
Die Energie, die jemand braucht, um einen Menschen aufzuschneiden, ist eine besondere Energie, die wohl bei Jägern, Metzgern und Chirurgen gleichermaßen vorhanden ist – jeder Arzt, der das anders empfindet, möge mir verzeihen. Ich stelle mir das jedenfalls so vor. Parallel dazu verkörpert Viktor auch ihren Vater, der ebenfalls Arzt ist.
Viktor geht auf die Jagd – das ist Marlenes innerer Impuls, sich der Realität zu stellen. Viktor, der den Fuchs umbringt, fordert sie heraus, erwachsen zu werden. Sie überwindet ihren Fluchtmechanismus und ist bereit, sich der Realität zu stellen. Viktor ist eine Figur, an der sie wächst. Er verkörpert auch ihren Vater, der ebenfalls Arzt ist.

 

Nonne

Die Nonne im wahren Leben heißt Maria Steiner. Sie ist Psychologin und eine kopflastige Person, die ihr Wissen nicht in die Tat umsetzen kann. Als Psychologin ist sie hervorragend, aber sie hat einen zwanghaften Charakter. Sie protokoliert alles, fühlt sich von Ärzten unterdrückt, fühlt sich schnell lächerlich gemacht und ist unsicher. Sie will alles kontrollieren – hat sie die Schlüssel bei sich, ist ihr Auto zugesperrt, ist der Lippenstift aufgetragen. Sie flirtet mit jungen Ärzten und manipuliert. Marlene spürt und beobachtet das. Anstatt Marlene mit Ratschlägen zu bombardieren, sollte Maria  ihr eigenes Leben ändern.
Als Marlene aufwacht und gesund wird, erfährt auch Marias Leben eine Wendung – der Fall ist abgeschlossen. Sie nimmt ihr eigenes Leben in die Hand, wird tätig und macht eine Weltreise – das ist aber nur im alternativen Schluss hier auf der Homepage zu lesen und nicht im Roman.

Nonnen in Traumbildern leben nur halb. Durch ihren Entschluss, zölibatär zu leben, agieren sie einseitig. Das Traumbild „Mann“ steht für Handlung. Nachdem sich eine Nonne nicht mit einem Mann verbindet, ist sie nicht fähig zu handeln.

Marlenes ständige Unsicherheit, wem sie trauen kann und wem nicht, ist ebenso in der Nonne verankert wie die Suche nach der Identität: Wer bin ich, wenn ich das Herz von jemand anderem habe? Marlene stülpt ihre eigene Unsicherheit der Nonne über. Letztlich ist es ihre eigene Unsicherheit. Das Herz von jemand anderem zu akzeptieren bedeutet auch, sich selbst neu annehmen zu müssen.

 

Anselm

In Marlenes Realität ist er der Krankenhausseelsorger, im Traum ist er Koch, Diener und Putzmann. Anselm gibt den Patienten seelische Nahrung. Im Traum ist er klein, dünn und eine traurige Gestalt. Er spricht wenig und sorgt dafür, dass alle bekommen, was sie brauchen. Nur sich selbst vergisst er. Er ist glücklich, so lange er anderen helfen kann. Dabei brennt er aus. Im Traum arbeitet er rund um die Uhr. Darin spiegelt sich auch, wie hart Marlene an sich selbst arbeiten muss auf ihrem Weg zurück ins Bewusstsein.  

 

Noah

Seine Blindheit steht für die Ausblendung, für das, was sie nicht sehen will. Nicht zu wissen, ob sie überlebt oder nicht, ist eine reale Angst. Seine Blindheit ist der Anteil in ihr, der die Hoffnung und die Zuversicht nicht sieht. Sie sieht nicht, dass sie träumt und blendet Hoffnung und Zuversicht aus.
Ich habe mir erlaubt, Noah nicht nur als Traumbild auftauchen zu lassen. Vor Beginn der Handlung müssen sich die beiden im Krankenhaus begegnet sein. Marlene sah ihn und fand ihn wahrscheinlich hübsch, deswegen tauchte sein Äußeres in ihrem Traum auf, aber nicht nur deswegen. Beide sind todkrank. Das meiste in ihrem Traum sind ihre eigenen Anteile. Aber es gibt diese zwei Momente, wo er in ihren Traum eindringt – zum einen, als sie in den Keller in sein Unterbewusstsein steigt, zum zweiten, wo er nach dem Konzertbesuch beinah stirbt. An diesen Stellen begegnen sich ihre beiden Seelen im Traum.

 

Wasser

Wasser in allen Variationen ist ein Gleichnis dafür, wie ich mit meinen Gefühlen im Reinen bin. Ein schöner Flusslauf zeigt, dass ich im Fluss bin. Der Fluss, durch den Marlene und Noah schwimmen, ist wild, rau und gefährlich und zeigt, dass Marlene mit ihren Gefühlen kämpft. Das zeigen auch die Widerstände im Fluss – der Felsen, der Wasserfall.  

 

Luft

Rund um die Villa ist die Luft klarer als alles, was Marlene bisher in ihrem Leben eingeatmet hat. Luft steht für das, was sie suchen soll – nämlich die Freiheit. Jeder Mensch hat die Sehnsucht frei zu sein. Damit sich Marlene bewusst machen kann, was sie unfrei macht, braucht sie viel Sauerstoff.

 

Der Fuchs

Der Fuchs ist der Seelenführer des Kindes, der sich aus Ängsten unterirdische Notausgänge baut. Diese Fluchtwege schützen nur in der Kindheit. Der Erwachsene sollte darauf verzichten, sich sein  Leben durch Notausgänge zu sichern. Viktor erschießt den Fuchs. Was wie eine Katastrophe aussieht, ist die Konfrontation damit, erwachsen zu werden. Marlene will die Schlupflöcher ihrer Kindheit nicht mehr benützen, sondern der Wahrheit ins Auge sehen. Bald wird sie sich entscheiden, nicht mehr ausweichen.

 

Kellergewölbe

Der Keller ist das Fundament eines Hauses und symbolisiert in Träumen normalerweise die Kindheit. Mit dem Öffnen dieses Kellers aber, betritt Marlene nicht ihre eigene Kindheit, sondern Noahs Unterbewusstsein. Es ist ein magischer Moment, wo sich ihre beiden Seelen in einem Traum treffen. Das ist realistisch nicht erklärbar.

 

Pflanzen auf Noahs Grab 

Marlene befindet sich mitten in Noahs Seele, umgeben von seinen schlimmsten Ängsten. Sie sieht, was er begraben hat und wovor er Angst hat. So wie er ihr hilft, ans Licht zu kommen, hilft sie ihm mit Energie, in dem sie neues Leben auf sein Grab pflanzt. Ebenso wie sie ihm ihr Blut schenkt.

 

Die Mauer

Es gibt einen unsichtbaren Bann, den Marlene nicht überwinden kann, der aber in ihr selbst steckt. Aber in dem Moment, wo sie zu zweit sind, wird sie von einem männlichen, inneren Handlungsanteil begleitet, der sie ermächtigt, weiterzugehen.

 

Freija

Freija schleicht sich in Marlenes Traum, weil Marlene ein Buch von ihr liest. Sie kennt Freija nicht persönlich, aber vielleicht verbindet sie den Namen mit Freiheit. Freija verhilft ihnen in die Freiheit und nährt ihre Freiheit, indem sie ihnen zu essen gibt. Freija ist Autorin. Im Schreiben liegt Schöpferisches. Sie ist also ein Sinnbild für geistige und körperliche Freiheit. Sie ist das Gegenbild der bösen Hexe.

 

Ford Thunderbird Cabrio

Autofahren beschreibt im Traum, wie man durchs Leben steuert. Die Farbe des Autos, sein Zustand, die Fahrweise, ob es ein Ziel gibt oder nicht – das alles gibt Aufschluss darüber, wie man zur Zeit auf seinem Lebensweg unterwegs ist. Fährt man ziellos durch die Gegend, sollte man seine Ziele im Leben einmal überprüfen. In Marlenes Traum wird der Wagen von Freija gesteuert. Auch Marlene ist schon lange fremdgesteuert. Aber nicht mehr lange. Denn der Wagen hat ein Ziel. Er sieht zwar alt aus, aber in ihm steckt ein extrem starker Motor und symbolisiert die Lebensenergie, die Marlene wieder erlangen wird, sobald sie gesund ist.

 

Warum geht es Marlene am Ende immer schlechter?

Sie erlebt einen Genesungsschmerz, dessen sie sich langsam bewusst wird. Durch die Durststrecke des Aufwachens kämpft sie sich ins Bewusstsein. Obwohl sich das nicht gut anfühlt, geht sie durch den Schmerz hindurch.

Der Adler, die Raben, die Buche, der rote Koffer, die Bühne, das Konzert, die schwarz gekleideten Männer, die Hubschrauber. Die Liste wäre noch beliebig erweiterbar. Aber ich lasse es hier sein. Schließlich will ich euch nicht wie Maria Steiner die Magie wegnehmen. Manches in der Geschichte kann man mit Verstand nicht erklären. Und das ist gut so. Wir halten es nur schwer aus, im Unsicheren zu bleiben.