Die Villa

Wenn sich Fantasie und Realität treffen

Die Villa, in der sich Noah und Marlene begegnen, gibt es tatsächlich. In meiner Fantasie habe ich sie wesentlich größer gemacht, ein Hallenbad, eine Bibliothek und geheime Gänge und Tunnel eingebaut, die es nicht wirklich gibt, aber sonst sind viele Details, die in der Geschichte beschrieben sind, real zu bewundern – der Steinadler über dem Treppenaufgang, die Ofen mit Kacheln aus Augartenporzellan, die Rufanlage, die mächtigen Hirschköpfe und vor allem die magische Atmosphäre, die jeden Besucher sofort in Bann zieht. Auch Marlenes Zimmer – „His Masters Room“ ist original erhalten, mitsamt dem goldenen Spiegel und dem atemberaubenden Ausblick auf die himmelhohe Felsenwand.
Jahrzehntelang lag die Villa selbst für Einheimische im Verborgenen, nur Eingeweihte wussten von ihr, denn sie ist so versteckt, das man ihr nicht einfach über den Weg läuft. Fantastische Geschichten und Gerüchte ranken sich um die Villa, viele davon, so unglaublich sie sich anhören, sind wahr. Die aufregendsten dieser Geschichten möchte ich gern mit euch teilen.

 

Von Sklaven und alpiner Jagd

In England lebte einst ein schrulliger Adeliger. Er hieß Sir John Oakley Maund, war Bankier, Alpinist, Jäger und stinkreich. In Rhodesien (heute Simbabwe) befahl er für die „British South Africa Company“ Sklaven in Goldmienen. Richtig verrückt war er aber nach den Bergen. Er zählt zu den großen Bergsteigerpersönlichkeiten der sogenannten „Goldenen Jahren“ des Alpinismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ihm allein gelangen 1876 innerhalb weniger Tage drei Erstbesteigungen im Montblanc-Massiv.
Maund gehörte zur englischen High Society, umgab sich gern mit Frauen und Jagdtrophäen. 1890 pachtete im hinteren Bregenzerwald ein Jagdgebiet von gigantischer Größe. Dort ließ er sich vom englischen Architekt William Morris eine Jagdvilla im englischen Landhausstil erbauen. Nächtliche Gelage und ausschweifende Partys inbegriffen . In der Villa trafen sich exzentrische Adelige, deutsche Kronprinzen, Nazibonzen, persische Star-Architektinnen, Haubenköche, Fabrikanten und Künstler. Sie diente als Hintergrund für die erfundene Geschichte von Noah und Marlene.

 

Auftragsmord

Und dann stand sie da, die Villa Maund, unweit von Almhütten bettelarmer Bergbauern. Während die Bauern Milch tranken, vergnügten sich wenige Meter weiter die feinen Damen und Herren von Maunds Jagdgesellschaften mit Champagner, Whiskey und Burgunderpunsch. Krasser hätte der Gegensatz nicht sein können.
Maund liebte aber nicht nur edle Tropfen. Es gab Gerüchte, dass der verheiratete Mann eine Liaison mit einem einheimischen Mädchen unterhielt. Den Leuten im Dorf passte das gar nicht. Sie schmiedeten einen Plan, bei dem der reiche Herr einem inszenierten Jagdunfall zum Opfer fallen sollte. Maund erfuhr davon, versammelte seine Jäger und verkündete, dass er ab sofort – anstatt wie bisher vorne – hinter ihnen pirschen werde. So entging er seinem unglücklichen Ende. Vorläufig. Kurze Zeit später, im Juni 1902, wurde er bei Pisa hinterrücks mit einem Sandsack erschlagen. Von einem verschmähten Liebhaber? Von einem Auftragsmörder? Wie sehr der Engländer an seinem Jagdgebiet hing, geht aus seinem letzten Wunsch hervor: Sein Oberjäger musste seine Asche auf dem Berg hinter der Villa verstreuen. Die Villa erbte Tochter Zoe Désirée, die das ganze Anwesen, gegen den Willen ihrer Mutter, 1931 an den Engländer Martin Holt für 750 Pfund verkaufte.

 

Das erste Auto

Am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war es wesentlich einfacher von England nach Indien zu gelangen, als in die Villa Maund ans Ende der Welt. Genau dort wollte der deutsche Kronprinz Wilhelm aber hin – ein bisschen frische Luft schnappen, ein paar Böcke schießen, kapitale Hirsche erlegen und gediegene Sommerabende in illustrer Gesellschaft feiern. Glücklicherweise war gerade das Automobil erfunden worden. Genau das Richtige für den wagemutigen Prinz. Die Bevölkerung wurde informiert, scharfe Anweisungen erteilt. Kein Fuhrwerk durfte an jenem Tag den Schuppen verlassen. Die Arbeit musste ruhen.
Und so kam es, dass im Jahr 1908 eines der ersten Automobile durch den Bregenzerwald knatterte und am Straßenrand Bauersfamilien in Festtagsgewänder und Kränzen im Haar mit Fahnen einer Staubwolke hinterher winkten, in der der deutschen Kronprinz saß, auf dem Weg zur Jagd in die Villa Maund.

 

Der Schatz

Während der Kriegsjahre kam Cecilie von Mecklenburg-Schwerin, die Frau des Kronprinzen, zu Besuch in die Villa. Oberjäger Theodor Hammerle kümmerte sich um sie. 1943 vertraute sie ihm an, dass sie eine große Menge kostbaren Schmuckes bei sich habe, es sei ein Teil des Kronschatzes der Hohenzollern und ob Hammerle ihn nicht verstecken könne. Also schulterte der Getreue den Spaten, stapfte in den Wald, grub einen Schacht nordöstlich der Villa, versenkte die Kiste mit den Kostbarkeiten und betonierte ihn zu. Dort blieb die Kiste.  
Bis das Dritte Reich zusammenbrach und die Gegend um die Villa von Franzosen und Marokkanern besetzt wurde. Die hatten wohl von dem Schatz gehört und durchsuchten das Gebäude ein dutzend Mal. Oberjäger Hammerle drohten sie mit dem Tod, falls sie etwas fänden. Hammerle aber blieb cool. Im Frühling 1946 grub er den Schatz bei Nacht und Nebel wieder aus, transportierte ihn zu Fuß über ein zweitausend Meter hohes Joch nahe der deutschen Grenze und übergab ihn einem Mittelsmann, der ihn schlussendlich bei Cecilie wieder ablieferte.

 

Der Diebstahl

Die Villa wurde nur im Sommer bewohnt. Sie war vollgestopft mit prachtvollen Möbeln, Teppichen und Vorhängen. An den Fenstern hingen baldachinartige Vorhänge, schwer und mit Quasten versehen. Wertvolle Gobelins fanden sich in Sofas und Polstermöbeln, die man durch die Fenster bewundern konnte.  
Auf einem seiner winterlichen Kontrollgänge in den 1950er Jahren entdeckte der Oberjäger Theodor Hammerle Fußspuren im Schnee, die zur Villa hinführten, aber nicht mehr davon weg. Er holte die Gendarmerie. Gemeinsam schlichen sie die Treppe hoch zum „Master Sleep Room“. Sie rochen Zigarettenrauch und spähten durch das Schlüsselloch. Da sahen sie in dem vergoldeten Ankleidespiegel einen jungen Mann im Bett liegen. Er hatte sich kurz ausruhen wollen, nachdem er bereits einen großen Teil der Teppiche und Polster abtransportiert und in Bezau in der Post eingelagert hatte. Der Mann war ein Student, der sich an den Schätzen der Villa bereichern wollte.