Category: Allgemein

So bauen Architekten Schulhöfe.

Zum Speiben

Eigentlich wollte ich über Vanillekipferl, Bratäpfel, knisterndes Feuer und Matt Haigs herzerwärmende Weihnachtsbücher schreiben, als ich während einer Lesereise durch die Schweiz in eine neue Schule namens Vinci kam, deren Architektur mich sprachlos machte: Leonardos Treppe nennt sich eine gigantische Doppelhelix aus Beton, die sich in der eisigen Eingangshalle über vier Stockwerke in die Höhe schraubt. Eine Lehrerin erzählt, dass es den Architekten vor allem um diese Treppe ging, von den Klassenzimmern sprach man eher wenig, dafür kommen jetzt viele Fotografen. Im Schatten des Betons wirken die Kinder klein, der Lärm groß und der Gestank chemisch. Sie nehmen im Mona Lisa Saal Platz. Alles top ausgestattet und total digital, nur der Schleim nicht, der in einem blauen Eimer schwimmt, den ein bleicher Erstklässler auf seinem Schoß umklammert. „Dem ist schlecht“, sagt die Lehrerin. Der Kleine speibt dann, während ich lese, relativ lautlos vor sich hin, keinen scheint’s zu stören. Danach verabschieden sich alle sechzig, auch das kranke Kind, wie es sich in der Schweiz gehört, mit Handschlag. Sobald sie weg sind, drehe ich den Hahn auf. Da kommt nur eiskaltes Wasser, also suche ich, um mir die Hände zu waschen, warmes Wasser. Das finde ich weder in den Klassenzimmern, noch auf den Toiletten. „Warmes Wasser war zu teuer“, sagt die Lehrerin. Wär‘ ja auch zuviel verlangt, schließlich hat der Bau samt Digitalisierung schon 21 Millionen Franken verschlungen.

 

Auf Friedhöfen gehe ich gern spazieren. Gelbe Blätter rascheln unter den Füßen. Nebel wabert. Schöne Namen auf Grabsteinen schreibe ich auf und lasse sie in Geschichten weiterleben. Am Babyfriedhof ruhen Knabe Petrov, Sonja, Abderrahman, Lars und Alena. Von Regen und Wind durchnässte und zerzauste Kuscheltiere halten mit hängenden Ohren wacker die Stellung an den kleinen Gräbern der Totgeborenen. Die Windräder drehen sich weiter.  weiterlesen

Seid ihr des Teufels?

Lena will Buchhändlerin werden. Aussicht auf Ruhm, Ehre und Karriere hat sie nicht. Aber was soll’s? Lena mag Bücher. Und Menschen. Sie kann ihr Glück kaum fassen, als sie nach der Ausbildung sofort in einer Buchhandelskette angestellt wird. Und dann muss Lena keine Bücher, sondern Skateboards, Sandspielzeug, kreatives Bastelmaterial, Kopfweh verursachende Stinkkerzen und Küchenmixer auspacken und anordnen. Bitte, welcher Marketingstratege ist auf die hirnrissige Idee mit den Non-Books gekommen? Ein Fleischer verkauft doch auch kein Non-Fleisch. Dann wäre er nämlich ein Blumenladen oder ein Schuhgeschäft.  weiterlesen

Neuerdings sammle ich Fotos von Menschen, die öffentlich in ein Buch lesen. Ein Foto habe ich schon. Darauf sieht man einen Jugendlichen in der U-Bahn: Goldkette, Sneakers, T-Shirt mit lautem Aufdruck, Red Bull Dose in der Jackentasche. Nicht gerade der klassische Leser, denke ich. Er ist völlig vertieft in ein dickes, schwarzes Taschenbuch, das aussieht, als habe er es aus dem Müll. Er bemerkt weder, dass ich ihn fotografiere, noch die ein- und ausseigenden Menschen. Er bemerkt nicht das Fahrrad, den Zwillings-Kinderwagen, die Amerikanerinnen, die telefonierenden Araber, die streitenden Jugendlichen. Das Buch absorbiert ihn. Er hat grad Abenteuer. Aber was für eins? Ich platze vor Neugier. Meinen Freunden schicke ich eine Nachricht, dass ich mich verspäten werde, weil ich den Ausstieg verpassen muss, weil ich mich notfalls diesem Leser zu Füßen auf den Boden werfen muss, um den Titel erkennen zu können. Dann wird es eng. Menschen drängen an ihm vorbei. Für einen Augenblick, nur um sie vorbeizulassen, schließt er das Buch, einen Zeigefinger zwischen die Buchseiten geklemmt, um sofort weiterlesen zu können und ich erhasche einen Blick: Die Stadt der Besonderen Kinder. Erleichtert steige ich aus. Die Insel der Besonderen Kinder fand ich schon ganz wunderbar. Es gibt also eine Fortsetzung. Ich gehe in den nächsten Laden, kaufe mir das Buch und sage meinen Termin ab.

Kolumne erscheint im September 2018 im Anzeiger (Magazin für den österreichischen Buchhandel)

 

 

 

Haben Sie auch Bücher, die sie jedes Jahr mindestens einmal lesen? Der Schauspieler Christopher Lee zum Beispiel las einmal jährlich Der Herr der Ringe. Er wurde 93 Jahre alt und kannte das Werk wirklich gut. Ich verknüpfe meine Lieblingsbücher mit Jahreszeiten, so kann ich mich noch mehr freuen. Im Frühling höre ich Der Wind in den Weiden, von Harry Rowohlt übersetzt und gesprochen – wenn das Maulwürfchen seinen Frühjahrsputz macht, mit seinem Freund, der Wasserratte, im Boot (mit Schnittlauchbrot, Bitzelwasser und Senftopf) über den Fluss schippert und der Kröterich mit seinem neuen Auto wieder mächtig viel Staub aufwirbelt, macht mich das glücklich.  weiterlesen

Mia kann jetzt lesen. Keiner hat genau mitgekriegt, wann das passiert ist, aber auf einmal versteht sie den Sinn hinter den Buchstaben. Sie rennt durch die Gegend und entziffert alles. Das ist lustig. Dann wollen sie in der Schule, dass Mia Geschichten liest. Das ist nicht mehr lustig. Nur anstrengend. Mia wirft das Handtuch. Beim Elternsprechtag sagt die Lehrerin: „Man muss mit Mia lesen üben.“ Die Eltern lassen sich beraten. Für Mia nur das Beste. Die kompetente Buchhändlerin empfiehlt literarisch ausgezeichnete Werke. Mag Mia nicht. Mia will Der magische Blumenladen.  weiterlesen

 

Wofür Bücher noch gut sind

Jetzt ist es passiert. Zum ersten Mal habe ich Bücher von mir auf dem Flohmarkt entdeckt. Ein bisschen weh tut’s schon. Aber ich versteh’s ja. Regale werden voll, auf dem Tisch ist auch kein Platz mehr und neue Möbel zu kaufen ist ein Horror. Man setzt sich in ein Auto und fährt in ein Einrichtungshaus an den Rand einer Stadt, wo unsere Großeltern unter knorrigen Obstbäumen über saftige Wiesen tollten. Ikea. Kika. Leiner. XXX Lutz. Mömax. Möbelix. Hundertprozent buchfreie Orte des Grauens.  weiterlesen

Am 3. März präsentierte ich meinen neuen Roman in der Alten Seifenfabrik in Lauterach. Miriam Jaeneke machte die Fotos. Das Copyright liegt bei ihr.

Fassungslos stand ich da und blickte abwechselnd in mein Buch und in die verblüfften Augen derer, die PEKS beim Malen zusahen.

Traumhaft musikalisch untermalt von Klaus Kemmerling und Roland Wölfle.

Und so sah das Bild am Ende der Lesung aus.

Wenn ihr bewegte Bilder sehen und die Musik hören wollt, könnt ihr das hier:

Ich würde euch gerne einladen zur Präsentation meines neuen Buches.

Am Samstag, 3.März 2018

20.00 Uhr

Alte Seifenfabrik, Lauterach

Es liest Irmgard Kramer.

Es malt der Streetartkünstler PEKS.

Es spielen Go Ambient.

Der Eintritt ist gratis.

 Das Buch: Sie sind talentierte Streetartkünstler. Ihre Pieces findet man an Mauern, U-Bahn-Wagons und verlassenen Fabriken, aber niemand weiß, wer sich hinter dem geheimnisvollen Tag BLUX verbirgt. Jonas und Leander. Leander und Jonas. Nichts kann sie trennen. Bis sich Leander verliebt. Und Jonas über einen chinesischen Pinsel stolpert und sich in eine Katastrophe malt. Ein Jugendroman über Freundschaft und Kunst, über tiefste Verzweiflung und äußerste Hingabe und eine Liebe, die alles rettet.

Der Maler: PEKS hat sich in seinem Studium der Theater-, Film und Medienwissenschaft intensiv mit Graffiti, Urban Art und Street Art beschäftigt. Er malt und sprüht seit er 15 ist. Es ist ihm gelungen, seine Leidenschaft mit Projekten, Auftragsarbeiten und Workshops zu seinem Beruf zu machen. Bei der Entstehung des Buches stand er beratend zur Seite. Er wird Live malen und einige seiner Bilder ausstellen.

Die Musiker: GO AMBIENT sind Klaus Kemmerling (Saxophon) und Roland Wölfle (Elektronik). Soeben ist ihre erste CD erschienen. Sie improvisieren zur Malerei, treten in einen musikalischen Dialog und erzeugen intuitiv Klangbilder und Stimmungen. Durch spontane Interaktionen entstehen Augenblicke besonderer Verschmelzung und Synchronizität, die in die Tiefe gehen und intensive Erfahrungen darstellen. Dies alles ist nicht vorhersehbar. Live ist diese Musik neu und unmittelbar.

Ich würde mich freuen, wenn ihr mit uns feiert.