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Das Mysterium aus dem Automat

Ein Hashdag und eine Ziffernfolge auf einem kleinen, in Packpapier verschnürtem Paket. 6854 könnte eine Postleitzahl sein. Die von Hohenems zum Beispiel. In Hohenems leben Michael Köhlmeier und Monika Helfer in einem netten Häuschen und schreiben. Nur ein Dorf weiter (PLZ 6840) verfasste Robert Schneider einen Bestseller, der in 36 Sprachen übersetzt wurde. „Brother of Sleep“ landete in der Buchhandlung BooksActually in Singapur. Frisch, still und andächtig stehen sie hier, die Kafkas und Brontes, die Orwells, Rushdies und Murakamis. Eine Spezialausgabe zum 80. Geburtstag von Mary Poppins.

Vor dem Laden nebenan baumelt das Modell eines Doppeldeckers über einer türkis gestrichenen Tür. Über das Gemäuer watscheln Enten mit Hut – wohl die einzigen Graffiti in Singapur. Woods in the books. Der Kinderbuchladen. Sorgfältig ausgewählte Bücher für Expats und ihren bildungsnahen Nachwuchs.

Und als wären diese beiden Läden …

 … nicht Freude genug, …

… steht davor …

… ein Buchautomat, gefüllt mit von Hand verpackten Mystery Books, die von Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus Singapur geschrieben wurden. Ich stecke meine Kreditkarte in den Automaten, wähle das Paket mit der Nummer # 6845, weil mir die Illustration eines Sushi gefällt und ziehe mir ein Buch. „For Assistance, or if a goblin comes out of the machine, please call +65 6222 9195.“ Ich werde es nie auspacken. So bleibt das Mysterium erhalten.

(Kolumne erschienen im Anzeiger 11/2017 Magazin für den Österreichischen Buchhandel)

 

Karl Valentins Buchbinder Wanninger lässt grüßen

Liebe Buchhandlung!

Kürzlich habe ich ein Kinderbuch bei Ihnen bestellt und bekam es umgehend geliefert, wofür ich mich bedanken möchte. Es ist immer schön, schöne Post zu kriegen. Gern habe ich die € 9,90 bezahlt. Einen Tag später bekam ich das gleiche Buch ein zweites Mal geliefert, worüber ich mich nicht so gefreut habe.  weiterlesen

Traditionsfachgeschäft schließt

In meiner Familie war Einkaufen ein notwendiges Übel. Eine Ausnahme gab es zu Schulanfang. Da zwängten wir uns in den Fiat Ritmo und fuhren in die Stadt. Ins Parkhaus! Die Schranke hob sich. Wir zogen die Köpfe ein. Meine Mutter klammerte sich tapfer ans Lenkrad und kurvte schneckenförmig aufwärts. „Kinder merkt’s euch das Stockwerk, sonst finden wir das Auto nie wieder.“ Ängstlich prägten wir uns die Zahl ein. Im Lift stritten wir uns, wer den Knopf drücken darf. Das Buch- und Papierfachgeschäft Lingenhöle hatte 230 Quadratmeter auf zwei Etagen. Geduldig wartete meine Mutter auf eine Verkäuferin. Dann legte sie los. Zum Schulanfang nur das Beste. Manchmal mussten wir sie bremsen. „Aber Mama, wir haben noch Lineale zuhause.“ Während sie überlegte, wie viele karierte und wie viele linierte Hefte sie kaufen sollte, schlich ich mich zum Drehständer mit den Kinderbüchern. Ich schlug die letzte Seite zum Lachen auf: „Ein Skelett kommt in die Bar. Was wünschen Sie?, fragt der Ober. Ein Bier und einen Aufwischlappen.“ Meine Mutter nickte mir lächelnd zu. Das Buch kostete 47 Schilling 10. Sooo viel! Ich hatte die beste Mutter der Welt. Im Auto begann ich zu lesen. Zuhause schrieb ich auf die erste Seite: Dieses Schneider-Buch gehört Irmi Geschenkt von Mama. Heutzutage kommt das Lachen ein wenig zu kurz. Die Buchhandlung Lingenhöle musste schließen. Die Verkaufsräume sind leer. Ich vermute, bald werden E-Bikes drinnen stehen.

(Kolumne erschienen im Anzeiger 09/2017 Magazin für den Österreichischen Buchhandel)

 

Die Einhornfalle

Einhörner sind in. Einhörner sind das ganz große Geschäft. Sitzt man mit Kinderbuchverlagsleuten in einem Taxi, geht es gern um Einhörner. Sternenschweif und Silberwind. Glamourös, glitzernd, magisch, mysteriös. Mit Schweif, Schwanz, Horn und dem ganzen Klimbim.

Ich schreibe sicher kein Buch über Einhörner. Weil mit Einhörnern gewinnt man keinen Literaturpreis. Das ist fix. Literarisch gesehen geht man mit Einhörnern für den Rest seiner Karriere baden.

Ich könnte es allerdings wie die Känguruchroniken anlegen. Ein rechts radikales Einhorn könnte sich im Schlafzimmer von Marine Le Pen einnisten, mit ihr kuscheln und sie trösten.

Ich könnte mich auch an Theo Nicole Lorenz orientieren. Sein Ausmalbuch heißt: „Einhörner sind Arschlöcher: Schockierende Wahrheiten zu Ausmalen.“ Ziemlich prächtig finde ich auch: „Schnall dich an, sonst stirbt ein Einhorn! 100 nicht ganz legale Erziehungstricks“ von Johannes Hayers. „Meine kleine Einhorn-Farm“ (mit Regenbogengarantie) hingegen ist wirklich Schrott. Dieses Standardwerk zur erfolgreichen Aufzucht von Einhörnern verspricht Erfolg im Business und die Erfüllung magischer Träume. Also echt.

Und dann fiel mir in einem Buchladen in Gmunden ein verstaubtes Exemplar „Der taubenblaue Drache“ von Kurt Vonnegut, übersetzt von Harry Rowohlt, in die Hände. Und als ich auf Seite 120 „Die Einhornfalle“ las, wusste ich, dass man auch über Einhörner ganz große Literatur schreiben kann.

(Kolumne erschienen im Anzeiger 06/2017 Magazin für den Österreichischen Buchhandel)

Ich fühle mich wie ein Oldtimer, dem der Benzin ausgeht. Mit den letzten Tropfen schnaufe ich ins Ziel und steige erschöpft, aber glücklich aus. Ich halte inne und erinnere mich. Wenn ihr mir bitte folgen wollt …

In der Volksschule Langenegg habe ich einen wunderschönen Schulgarten entdeckt.

Der Garten hat mich inspiriert.

Und ich habe Salat in Blumenkästen angebaut. Der wächst so enorm, dass ich mir bald wie eine Ziege vorkomme.

Auf meinen Lesereisen habe ich viel entdeckt. Zum Beispiel eine berühmte Quelle.

In Donaueschingen ist es auch sonst überaus schön.

Und solche Gebäude würde ich am liebsten schrumpfen, in die Hosentasche stecken, mitnehmen und vor mir auf den Schreibtisch stellen.

Na also. Schrumpfen. Geht doch.

Und natürlich gibt es wieder so eine für mich typische Chaotengeschichte. Kaum aus dem Schwarzwald zurück, sollte ich in Ulm lesen. Ulm? Kein Problem. Da setz ich mich morgens ins Auto, fahr eineinhalb Stunden, lese eine Runde und bin zum Mittagessen wieder heim. Dachte ich. Als ich die Adresse der Schule eingebe, zeigt mir das GPS eine Fahrtzeit von dreieinhalb Stunden an.

Hätte mir vielleicht irgendwer sagen können, dass es in der Nähe von Straßburg noch ein Ulm gibt? (1950 Einwohner, viel Obst, viele Baustellen und eine Wohlfühl-Schule) Ich also wieder zurück in den Schwarzwald. Leute, bei euch ist es echt schön und die Kinder waren super aufmerksam. Trotzdem war es eine brutale Fahrerei und ich hätte den Job nicht angenommen, wenn ich gewusst hätte, wie viele Kilometer ich fahren muss. Danach habe ich mich sperrig und zerbrechlich gefühlt. Ungefähr so:

Und davon habe ich geträumt:

Das Allerbeste habe ich in Salzburg im Literaturhaus erlebt. Die vierte Klasse der Volksschule Maxglan 2 führte das Theaterstück Sunny Valentine „Von Zirkuskanonen und elefantösen Notfällen“ auf. Ich war gerührt und beseelt. Was für ein Aufwand. Wie großartig! Vielen Dank Bettina Neumann, Katharina Peel, den Kindern der 4b und dem engagierten Peter Fuschlberger vom Literaturhaus.

In Wien im Theatermuseum wurde der Hauptpreis der Leserstimmen vergeben. Gewonnen hat ihn Rachel von Kooij. Mit dem Buch „Beim Kopf des Weißen Huhns“. Ich war stolz darauf dabei sein zu dürfen.

Wieder einmal hat mich der barocke Wahnsinn in den Bann gezogen. Von Kopf …

… bis Fuß. (Bitte! Seht ihr diesen Parkettboden? Was für Einlegearbeiten! Mein Tischlerinnentochterherz schlägt höher. An den Schuhen hätte man noch arbeiten können. Ich glaube, ich habe doch Plattfüße)

Die Blasengel links unten, studieren die Börsenkurse oder lösen sie ein Kreuzworträtsel?

Und weil ich gerade in Wien war, habe ich die allerletzte Chance zur Recherche genützt – das Lektorat für meinen neuen Jugendroman ist so gut wie abgeschlossen. Ich kann es kaum erwarten. Graffiti und Malerei werden eine große Rolle spielen. Davon aber mehr, wenn der Roman im nächsten Frühjahr erscheint.

Und nicht vergessen, Leute: Chillt eure Base!

 

 

 

 

Lest uns mehr vor!

Wie man erwachsene Leserinnen bekommt

Im Bregenzerwald hat eine Bibliothek eröffnet. Nicht, dass ihr glaubt, wir leben hier im literarischen Hinterwald. Im Gegenteil. In 71 von 93 Vorarlberger Gemeinden gibt es eine öffentliche Bibliothek. Und in einer sollten George Nussbaumer und ich, zur Anschaffung neuer Bücher, benefizmäßig musizieren und lesen. Am besten Piratengeschichten. Piraten mag jeder. In der Volksschule übten sie das Lied „Alle Kinder lernen lesen“. Der Saal wurde geschmückt, ein Keyboard, ein Lesepult und eine Leinwand auf die Bühne gestellt, damit wir die grandiosen Illustrationen von Zapf zeigen konnten. Die Lesung war am Sonntagmorgen, danach sollte es Schnitzel oder Schweinsbraten geben. Als sich die Türen öffneten, kamen Väter, Mütter, Kinder. Sie behielten ihre Jacken an und machten keine Anstalten, sich setzen zu wollen. Die VolksschülerInnen sangen ihr Lied. Und alle zogen ab: Väter, Mütter, Kinder. Sie hätten ein paar Euro zahlen müssen. Für die Bücherei im Dorf. Übrig blieben zwangsbeglückte PolitikerInnen und ein paar Freunde. Nach der Lesung kam ein älterer Herr auf mich zu. Den Tränen nahe. Es war die erste Kinderbuchlesung seines Lebens. Er habe nie ein Kinderbuch bekommen und zum ersten Mal habe ihm jemand vorgelesen. „Lest uns mehr vor“, verlangten Kinder in einer Vorlesestudie des ZEIT Verlags . Wer sich nicht um die Kinder kümmert, wird keine erwachsenen LeserInnen bekommen.

(Kolumne erschienen im Anzeiger 05/2017 Magazin für den Österreichischen Buchhandel)

 

„In Afrika ist es für die Deutschen in die Hosen gegangen“, notierte Astrid Lindgren am 8. November 1942. Als der Krieg ausbrach, begann sie, Tagebuch zu schreiben. Als am 9. November 2016 Donald Trump gewählt wurde, erwachte ich in einem Hotel in Bonn, und der Morgen graute mir. Ich war dort beim Lesefest „Käptn Book“. „Ein schwarzer Tag“, sagte ich beim Frühstück zu Hermann Schulz. 1938 in Afrika geboren, leitete er jahrelang den Peter Hammer Verlag und schreibt selbst Kinderbücher. Am Vorabend hatte er mir erzählt, wie es zum Buch „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hatte“ gekommen war, wie er Illustrationen auf einer Tabakpackung sah, wissen wollte, wer sie gemacht hatte, und so Wolf Erlbruch kennenlernte. „Darf ich Ihnen noch eine Geschichte erzählen?“, fragte mich Hermann Schulz. Der Kaffee erinnerte ihn an Kaffeehäuser in Wien und an Alfred Hrdlicka, den er wegen eines Marmorblocks kennengelernt hatte. Hrdlicka hatte sein Atelier in der Nähe des Praters. Beim Spaziergang kamen ihnen, Hand in Hand, Ernst Jandl und Friederike Mayröcker entgegen. Hrdlicka lud alle in ein Kaffeehaus ein. Schulz erzählte noch viel mehr. Ich war so beseelt, dass ich beschloss, Trumps Präsidentschaft ebenfalls in einem Tagebuch festzuhalten. Der erste Eintrag lautet: „Als Donald Trump gewählt wurde, frühstückte ich mit Hermann Schulz.“

(Kolumne Kramers Kinderstube 4 erschienen im Anzeiger 04/2017 Magazin für den Österreichischen Buchhandel)

Da haben wir gerade noch Silvester gefeiert… Ich lade die Fotos der ersten drei Monate des Jahres 2017 von meinem Handy und erinnere mich an meine Mutter, die samstagweise Dias gerahmt und archiviert hat. Einmal jährlich saß die ganze Familie vor der Leinwand, die der Hund zuvor mehrmals umgerissen hatte. Gemeinsam erfreuten wir uns an Erinnerungen. Das hatte noch Stil. Das war ein Gemeinschaftserlebnis. Heute habe ich weder Hund, noch Leinwand, aber eine Homepage und fiktive Menschen, die sich meine Erinnerungen vielleicht mit mir teilen.

 

Im Jänner und im Februar war mein Kalender leer. Ich fuhr Ski und schrieb. Das fand ich sehr famos. Zwischendurch las ich ein paar Bücher. Leider fand ich nichts mehr, seit ich sie nach Farben sortiert hatte. Also räumte ich alles um.

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(Dieses Foto entstand in Paris in einer Ausstellung)

Kramers Kinderstube

Ich habe einmal einen Artikel über die Buchhandlung Shakespeare & Company in Paris gelesen. Da musste ich hin. Sofort. Auf der Reise eine Lektüre: Proust? Victor Hugo? Da würde ich gut dastehen. Literarisch gesehen. Doch in der Buchhandlung am Bahnhof drehte sich in einem Buchständer ein Paris-Roman. Der Titel war mir zwar peinlich, aber vom Umschlag strahlte ein wahnsinnig schöner Franzose (blaue Augen, schwarzes Haar) mit einem Namen so cremig wie die Füllung von Macarons und einer Biographie, dass es raucht: ein Studium an der Sorbonne, Wohnungen in New York und der Toskana. Ich begann zu lesen. Und wusste schon bei der nächsten Station: Das hat kein Mann geschrieben. Die Recherche ergab: Hinter meinem jungen Franzosen steckte eine 58-jährige Verlegerin aus Düsseldorf. Ich habe ja nichts gegen Pseudonyme. Mark Twain hieß auch anders, und erstaunlich viele Kinder wissen, dass unter Erin Hunter sechs Autorinnen Warrior Cats schreiben. Aber manchmal hört sich der Spaß auf. Enid Blyton hat nur sechs Bände Hanni und Nanni geschrieben. Die meisten anderen schrieb Rosemarie Eitzert als Enid Blyton. Ich könnte mich J.K. Rowling nennen, oder Poppy J. Anderson. Den meisten Menschen ist der Name einer Autorin ja völlig wurscht ist, so lange ihnen der Text gefällt, glauben sie. Bei mir jedenfalls hat die hinterhältige Marketingstrategie gegriffen. Zumindest bis zum Kauf. Bei der nächsten Station habe ich das Buch dann in den Müllkübel geworfen.

(Kolumne erschienen im Anzeiger 03/2017 Magazin für den Österreichischen Buchhandel)

 

Ein Traum von Schloss

Von schönen und kalten Momenten
im Schloss Wolfenbüttel

Haben Sie den Film „Der ganz große Traum“ gesehen? Da geht’s um einen Lehrer, der 1874 den Fußball nach Deutschland gebracht hat. Der Film wurde im Schloss Wolfenbüttel gedreht. Das Schloss ist wirklich schön. Hier finden Literatur-Seminare statt. Ich geh’ gern dorthin. Die Kurse sind billig, das Essen und das Schlafen sind im Preis dabei und man lernt tolle Leute kennen. Einmal hatte ich die Ehre, zu einem Seminar von Burkhard Spinnen zugelassen zu werden – das ist der, der Vorsitzender Juror des Bachmann-Wettlesens war. Ich war wahnsinnig nervös. Aber Burkhard Spinnen ist lustig. Wussten Sie, dass er auch Kinderbücher schreibt? „Müller hoch drei“ und „Belgische Riesen“ habe ich sehr gern gelesen. Das Seminar von Burkhard Spinnen war im Sommer. Seminare im Sommer sind besser. Da ist es kühl im Schloss. Ganz anders im Winter. Beim Seminar „Wie bewerbe ich mich bei einer Agentur“ habe ich mich während einer Rauchpause in einem Hinterhof ausgesperrt. Keinem fiel auf, dass ich nach der Pause nicht wiederkam. Neben dem zugefrorenen Schlossgraben und dem Aschenbecher musste ich schlotternd auf einen Raucher warten (eine Seminareinheit dauert 90 Minuten). Wieder zuhause, schickte ich der Seminarleiterin (einer Agentin) eine Kindergeschichte von mir. Sie nahm mich unter Vertrag und alle Türen öffneten sich. Im Schloss Wolfenbüttel hat sich mein ganz großer Traum erfüllt.

(Kolumne erschienen im Anzeiger 02/2017 Magazin für den Österreichischen Buchhandel)