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Folgenden Text habe ich für das FAQ geschrieben, das von 2.-8. September im Bregenzerwald stattfindet und wieder ein sensationelles Programm hat. Apropos Bregenzerwald – wisst ihr eigentlich, wo ihr leben wollt? Auf dem Land? In der Stadt.

 

„Wo lebst du eigentlich?“

In meinem fünfzigsten Lebensjahr verkaufe ich meine Haushälfte im Bregenzerwald, ziehe nach Hernals, lade Freunde ein und habe gleich ein Problem: Wie bitte, kommen die Wiener zu ihrem Bier? Bisher fuhr ich mit dem Auto ins KDW und lud ein, was ging. Jetzt trage ich das Bier flaschenweise vom Billa. Ich kaufe einen Trolley, den im Wald nur Menschen benützen, die etwas zum Festhalten brauchen – Wiener schieben und ziehen ganz unglaubliche Einkaufsvehikel.

 Pflanz dich hin

So viel Dschungel in Wiens Innenhöfen. Vor meinem Fenster brüten Stare in einer hundertjährigen Esche. Unter dem Bett liegt eine Fledermaus. Ich kaufe mir eine Kuh auf einem Gemälde, vermisse das Schnaufen und das Bimmeln, setze in Neuwaldegg ein Papierschiff in den Bach, wo es zwar viel Wald, aber keine Kühe, sondern Hunde gibt. Im Wald geht man, um so schnell wie möglich so viele Kilo- und Höhenmeter zu machen wie möglich. Auf Stadtwanderwegen entdecke ich Hitzing, Grinzing, Liesing, Penzing und kapiere endlich, woher die Aufnahmen in den Wien-Krimis kommen, mit den Weinbergen im Vordergrund und der Donaustadt in der Ferne. Im Villenviertel, der „Kottäääsch“, lebten jüdische Industrielle und Künstler. Man trank Imperial-Feigenkaffee und traf sonntags beim Heurigen Arthur Schnitzler, der hier so gegenwärtig ist wie Franz Michael Felder dort. Beide tot. Am Schwarzenberg werden die Toten erst gefaltet, dann vergraben, könnte man meinen. Am Zentralfriedhof bauten sich ein Fiakerfahrer und eine Karussellbetreiberin ein Mausoleum aus Marmor, in dem eine Kleinfamilie wohnen könnte. Hier verkaufen sie den Augustin, dort die Marie.

„Hasta la Mista, Baby?“

Ich gewöhne mir das Mülltrennen ab, stopfe alles in eine der vielen Tonnen. Am Land stinken Müllsäcke in Garagen und jeder kompostiert. In Bizau pflegt ein Bauer seinen gut gelagerten Schafmist mit der gleichen Hingabe wie ein Burgenländer seinen Cuvee Reserve. Alle paar Wochen kam die Müllabfuhr (mal berg-, mal talseitig) und ich schleppte saftende Säcke (mal Plastik-, mal Restmüll) hinunter zur Straße. Mit dem Auto führte ich Papier weg, das Hassan, Rajid und die anderen Dorf-Flüchtlinge entgegennahmen. Für den Wiener Müll ist das MA 48 zuständig. Die Müllmänner sind Helden und die Sprüche auf Mistkübeln ein Erlebnis: „Host an Chick? Yes, we clean. Versenk die Wuchtl.“ Ich kaufe eine Wurmkiste und kompostiere indoor. Leider vergeigt mein Postler die Lieferung – die Würmer sind tot bis die Kiste kommt. Mein Postler schaut aus wie Beethoven, bringt die falsche oder keine Post, hat viele Problemen und trinkt gern Kaffee bei mir. Meine Postlerin im Wald kam mit dem Auto, ließ den Motor laufen, warf die Post raus und blieb nie zum Kaffee.

Schwarz verlängert

Im Sperl verhandeln sie am Nebentisch die Zukunft des ORF. Das Phil ist cool. Im Franze gibt es Steckdosen. Im Himmelblau reden stillende Mütter über Yoga auf Bali. Im Weimar fragt der Ober: „Wie immer, Herr Doktor?“ Im Dommayer gibt’s fantastische Himbeertörtchen. In Wien gehen die Alten ins Kaffee. Im Wald gehen die Alten ins Heim. Während die Wälder „alldra“ sind, chillen die Wiener im Türkenschanzpark, mit Freunden, bisschen Gitarrenspielen, bisschen Slacklinen, bisschen was rauchen, dann ins Tüwi. In Wien ist alles ein bissi wurschter.

Wurst und Döner

Ich gewöhne mir das Kochen ab, esse bei Hakan biovegan für neun Euro. Die Blumenfrau steht den ganzen Tag rauchend auf der Straße und hält mir die Haustür auf. Beim iranischen Teppichhändler trinke ich Tee. Eine Station weiter tauche ich unter – Anonymität macht frei. Im Prater fällt Regen auf duftende Kastanien. Am Brüggele riecht es anders – fehlt mir. Den Gestank in der U6 verbieten sie mit Humor: „Alle Fahrgäste machen die U-Bahn schöner, nur nicht Rudi, der isst Döner.“ Sonst reden sie in der Bim eher über Theaterpremieren, während sie im Wälderbus eher in Phrasen reden: „Do ka ma nünt macha. Arbat hian i gnuag. Mir leaband scho in am schöana Ländle.“ Sie kaufen E-Bikes. Das halte ich für einen Fehler, aber die CD ist auch wieder verschwunden. Ich strample durch die Stadt – anspruchsvoll, aber geil. Bertl repariert mein Rad. Sein Budget erlaubt täglich zwei weiße Spritzer in der Nuss, wo ich über jeden Stammgast einen Roman schreiben könnte. Besoffen diskutieren sie über Kant und ich fühle mich dumm. In Alberschwende treffen sich die Philosophen im Saufcontainer, der ist himmelblau und verrostet, aber dort können sie rauchen, seit man es ihnen am Stammtisch verboten hat.

Himmel über Wien

In der Seestadt Aspern stehe ich im Acker – im GPS sind Straßen verzeichnet, die noch nicht gebaut sind. Auf einem Hügel erhebt sich die „Notgalerie“, wo ein Künstler eine Holzkirche Brett für Brett ab und dort wiederaufgebaut hat. Zur Dernière wird er sie abfackeln, währenddessen es in Hittisau Spannungen zwischen den Dorfältesten und dem Frauenmuseum gibt. Am Yppenplatz im Frida bewegt sich der Koch wie ein Tänzer und ich habe mein Geld vergessen, aber Hadi, der Kellner, zahlt für mich. Früher half mir Lothar von der Taube aus der Not, kam morgens um drei mit dem Traktor und zog das Auto aus dem Graben, bei dichtem Schneefall. Kommt Schnee? Wann kommt Schnee? Wie lange bleibt der Schnee? Früher war mir das Wetter wichtig. Ich sah, wie es sich hinter dem Bodensee zusammenbraute und über den weiten Himmel heranrollte. Der Himmel über der Stadt ist kleiner. Außer am Himmel. Sogar an den Wind gewöhne ich mich, nur an den Gürtel und an Gratiszeitungen gewöhne ich mich nicht, aber ob es schneit, ist mir wurscht, und im Sommer arbeite ich im Lesesaal der Nationalbibliothek – klimatisierte Konzentration auf einem Haufen. In der Uni höre ich mir Vorlesungen an; Studenten sind höflich und pünktlich. Sie können gleichzeitig über komplexe Inhalte diskutieren und auf Zalando Schuhe bestellen.

Wälder in der Stadt

In jedem Mietshaus wohnt eine „Depperte“. In jedem Dorf wohnt eine „Soachtäscha“. Ich mag Wälder, die schon Jahrzehnte in Wien leben und wälderisch wienern. Der Filmausstatter Tommy Vögel zeigt mir sein gigantisches Lager am Nordbahnhof – Särge, Krücken und Toaster aus jedem verdammten Jahrzehnt. Am Kutschkermarkt kaufe ich Bergkäse bei Anton Sutterlüty, der im Sommer auf der Alp sennt und unter dem Stephansdom in einem Keller den Käse pflegt. Am Brunnenmarkt treffe ich den Künstler Götz Bury. Er trat im Bahnhof Andelsbuch auf, und das Publikum war verstört. Er tritt im Augustiner Lesesaal auf und das Publikum ist außer sich vor Begeisterung.

Einmal rundum (uffe, omme, abe)

Nach einem Jahr wiederholt sich alles zum ersten Mal: der Eistraum, der Marathon, die Eröffnung der Grätzloasen, die Festwochen, Ganymed, Viennale, Regenbogenparade, das Popfest am Karlsplatz, die Sommerkonzerte im WUK, Kino unter Sternen, Gürtel Nightwalk. Im November ist bei Mrs. Sporty Beckenboden-Monat. Vom Wiener Weihnachtszauber wird mir schlecht und vor dem Hofer in Alberschwende brennt das Licht von Betlehem. Die Heiligen Drei Könige („noch keine Haare am Sack, aber mir was über Jesus erzählen wollen“, wie Dieter Nuhr sagte) weihräuchern die Häuser. Beim Faschingsumzug brüllen sie „He wo a Wildsau.“ Die Hexe brennt und der erste Fastenjoker wird in Glühwein getauscht. An Fronleichnam brüllt der Kommandant „Halb acht“, die übriggebliebenen Kameraden marschieren, die Blasmusik spielt, der Pfarrer predigt, das Gewehr knallt. Käse-Klatsch im Sommer. Viehprämierung im Oktober. Warten auf den Schnee.

Ich pendle zwischen den Welten. Der Railjet ist mein Zuhause. Im Zugclo ärgere ich mich, weil ich Pulverseife aus dem Loch drehe und gleichzeitig den Fön statt des Wassers erwische. Chris Lohner gräbt sich in mein Unterbewusstsein – seit sie ihre Stimme mutig gegen die Regierung erhebt, mag ich sie. „Jemand zugestiegen, außer mir?“, ruft die Zugbegleiterin, setzt, weil die Reservierungsanzeigen ausgefallen sind, alle um und kriegt Szenenapplaus: Elisabeth aus Bezau rockt den Zug!