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Neuerdings sammle ich Fotos von Menschen, die öffentlich in ein Buch lesen. Ein Foto habe ich schon. Darauf sieht man einen Jugendlichen in der U-Bahn: Goldkette, Sneakers, T-Shirt mit lautem Aufdruck, Red Bull Dose in der Jackentasche. Nicht gerade der klassische Leser, denke ich. Er ist völlig vertieft in ein dickes, schwarzes Taschenbuch, das aussieht, als habe er es aus dem Müll. Er bemerkt weder, dass ich ihn fotografiere, noch die ein- und ausseigenden Menschen. Er bemerkt nicht das Fahrrad, den Zwillings-Kinderwagen, die Amerikanerinnen, die telefonierenden Araber, die streitenden Jugendlichen. Das Buch absorbiert ihn. Er hat grad Abenteuer. Aber was für eins? Ich platze vor Neugier. Meinen Freunden schicke ich eine Nachricht, dass ich mich verspäten werde, weil ich den Ausstieg verpassen muss, weil ich mich notfalls diesem Leser zu Füßen auf den Boden werfen muss, um den Titel erkennen zu können. Dann wird es eng. Menschen drängen an ihm vorbei. Für einen Augenblick, nur um sie vorbeizulassen, schließt er das Buch, einen Zeigefinger zwischen die Buchseiten geklemmt, um sofort weiterlesen zu können und ich erhasche einen Blick: Die Stadt der Besonderen Kinder. Erleichtert steige ich aus. Die Insel der Besonderen Kinder fand ich schon ganz wunderbar. Es gibt also eine Fortsetzung. Ich gehe in den nächsten Laden, kaufe mir das Buch und sage meinen Termin ab.

Kolumne erscheint im September 2018 im Anzeiger (Magazin für den österreichischen Buchhandel)