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Lest uns mehr vor!

Wie man erwachsene Leserinnen bekommt

Im Bregenzerwald hat eine Bibliothek eröffnet. Nicht, dass ihr glaubt, wir leben hier im literarischen Hinterwald. Im Gegenteil. In 71 von 93 Vorarlberger Gemeinden gibt es eine öffentliche Bibliothek. Und in einer sollten George Nussbaumer und ich, zur Anschaffung neuer Bücher, benefizmäßig musizieren und lesen. Am besten Piratengeschichten. Piraten mag jeder. In der Volksschule übten sie das Lied „Alle Kinder lernen lesen“. Der Saal wurde geschmückt, ein Keyboard, ein Lesepult und eine Leinwand auf die Bühne gestellt, damit wir die grandiosen Illustrationen von Zapf zeigen konnten. Die Lesung war am Sonntagmorgen, danach sollte es Schnitzel oder Schweinsbraten geben. Als sich die Türen öffneten, kamen Väter, Mütter, Kinder. Sie behielten ihre Jacken an und machten keine Anstalten, sich setzen zu wollen. Die VolksschülerInnen sangen ihr Lied. Und alle zogen ab: Väter, Mütter, Kinder. Sie hätten ein paar Euro zahlen müssen. Für die Bücherei im Dorf. Übrig blieben zwangsbeglückte PolitikerInnen und ein paar Freunde. Nach der Lesung kam ein älterer Herr auf mich zu. Den Tränen nahe. Es war die erste Kinderbuchlesung seines Lebens. Er habe nie ein Kinderbuch bekommen und zum ersten Mal habe ihm jemand vorgelesen. „Lest uns mehr vor“, verlangten Kinder in einer Vorlesestudie des ZEIT Verlags . Wer sich nicht um die Kinder kümmert, wird keine erwachsenen LeserInnen bekommen.

(Kolumne erschienen im Anzeiger 05/2017 Magazin für den Österreichischen Buchhandel)