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Ich weiß nicht warum. Aber Schnee macht mich glücklich. Den ganzen Dezember habe ich gewartet. Und dann kam er. In großen Flocken. Weiß und wunderbar. Schneeschaufeln tu ich wirklich gern. Und Rasenmähen. Schnee schmeckt. Gras riecht. Von Schnee bekommt man kalte, von Gras grüne Füße. Und wenn es geschneit hat, dann fährt der 50 Jahre alte Einer-Sessellift neben meiner Haustür. Leider sehr, sehr langsam. Ich fotografiere die Bäume und lese ein Buch.

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Auf dem Lift habe ich schon Werthers Leiden, Dürrenmatts Richter und sein Henker und Jeden Tag, jede Stunde von Natasa Dragnic gelesen – weil diese Bücher das richtige Format haben: Sie passen in meinen Anorak und stören nicht bei der Abfahrt. Umblättern mit Skihandschuhen ist schwierig, aber ich helfe mir aus mit der Zunge.

Letztes Jahre habe ich von Alex Capus Eine Frage der Zeit gelesen, eine groteske Episode aus dem Ersten Weltkrieg, in der die deutsche Marine in Papenburg einen Dampfer baut, ihn unmittelbar nach der Schiffstaufe zerlegt, in 5000 Kisten verpackt und am Ostufer des Tanganjikasees wieder zusammenbaut. In diesem Buch war es unerträglich heiß und schwül. Dieses Jahr habe ich mir ein dem Wetter angepasstes Buch ausgesucht: Drei Männer im Schnee von Erich Kästner. Herrlich altmodisch und ziemlich witzig. Kleine Textprobe gefällig?

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„Auf einem Sofa von äußerst geringem Fassungsvermögen kuschelte sich ein Chemnitzer Ehepaar. Die übrigen Barbesucher hatten das Vergnügen, dem zärtlichen Zwiegespräch zuhören zu dürfen. Die sächsische Mundart eignet sich bekanntlich wie keine zweite zum Austausch lieblicher Gefühle. Sogar Jonny, der Barmixer, verlor die Selbstbeherrschung. Er grinste übers ganze Gesicht. Schließlich bückte er sich und hackte, ohne Sinn und Verstand, im Eiskasten herum. Denn es geht nicht an, dass Hotelangestellte die Gäste auslachen.“ Erich Kästner.

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Wie Die Entdeckung der Currywurst von Uwe Timm ausgegangen ist, habe ich leider nicht erfahren – dieses Buch, wundervoll geschrieben, ist vom Lift gefallen und im Schnee zwischen den Bäumen liegengeblieben. Literatur für die Füchse eben. Ich trauere jetzt schon: Der Lift soll wegen Altersschwäche abgerissen werden. Ob ein neuer gebaut wird, weiß noch niemand. Aber schneien wird es hoffentlich auch in den nächsten Jahren, vielleicht noch ein kleines bisschen, vielleicht noch ein paar Flocken, bevor die Welt mit Trump, Erdogan, Putin und uns untergeht. Vielleicht überleben die Füchse. Und ein paar Geschichten. Gedruckt in Bücher, die sich im Schnee auflösen und mit der Schmelze in den See fließen.