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Traditionsfachgeschäft schließt

In meiner Familie war Einkaufen ein notwendiges Übel. Eine Ausnahme gab es zu Schulanfang. Da zwängten wir uns in den Fiat Ritmo und fuhren in die Stadt. Ins Parkhaus! Die Schranke hob sich. Wir zogen die Köpfe ein. Meine Mutter klammerte sich tapfer ans Lenkrad und kurvte schneckenförmig aufwärts. „Kinder merkt’s euch das Stockwerk, sonst finden wir das Auto nie wieder.“ Ängstlich prägten wir uns die Zahl ein. Im Lift stritten wir uns, wer den Knopf drücken darf. Das Buch- und Papierfachgeschäft Lingenhöle hatte 230 Quadratmeter auf zwei Etagen. Geduldig wartete meine Mutter auf eine Verkäuferin. Dann legte sie los. Zum Schulanfang nur das Beste. Manchmal mussten wir sie bremsen. „Aber Mama, wir haben noch Lineale zuhause.“ Während sie überlegte, wie viele karierte und wie viele linierte Hefte sie kaufen sollte, schlich ich mich zum Drehständer mit den Kinderbüchern. Ich schlug die letzte Seite zum Lachen auf: „Ein Skelett kommt in die Bar. Was wünschen Sie?, fragt der Ober. Ein Bier und einen Aufwischlappen.“ Meine Mutter nickte mir lächelnd zu. Das Buch kostete 47 Schilling 10. Sooo viel! Ich hatte die beste Mutter der Welt. Im Auto begann ich zu lesen. Zuhause schrieb ich auf die erste Seite: Dieses Schneider-Buch gehört Irmi Geschenkt von Mama. Heutzutage kommt das Lachen ein wenig zu kurz. Die Buchhandlung Lingenhöle musste schließen. Die Verkaufsräume sind leer. Ich vermute, bald werden E-Bikes drinnen stehen.

(Kolumne erschienen im Anzeiger 09/2017 Magazin für den Österreichischen Buchhandel)