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Zum Speiben

Eigentlich wollte ich über Vanillekipferl, Bratäpfel, knisterndes Feuer und Matt Haigs herzerwärmende Weihnachtsbücher schreiben, als ich während einer Lesereise durch die Schweiz in eine neue Schule namens Vinci kam, deren Architektur mich sprachlos machte: Leonardos Treppe nennt sich eine gigantische Doppelhelix aus Beton, die sich in der eisigen Eingangshalle über vier Stockwerke in die Höhe schraubt. Eine Lehrerin erzählt, dass es den Architekten vor allem um diese Treppe ging, von den Klassenzimmern sprach man eher wenig, dafür kommen jetzt viele Fotografen. Im Schatten des Betons wirken die Kinder klein, der Lärm groß und der Gestank chemisch. Sie nehmen im Mona Lisa Saal Platz. Alles top ausgestattet und total digital, nur der Schleim nicht, der in einem blauen Eimer schwimmt, den ein bleicher Erstklässler auf seinem Schoß umklammert. „Dem ist schlecht“, sagt die Lehrerin. Der Kleine speibt dann, während ich lese, relativ lautlos vor sich hin, keinen scheint’s zu stören. Danach verabschieden sich alle sechzig, auch das kranke Kind, wie es sich in der Schweiz gehört, mit Handschlag. Sobald sie weg sind, drehe ich den Hahn auf. Da kommt nur eiskaltes Wasser, also suche ich, um mir die Hände zu waschen, warmes Wasser. Das finde ich weder in den Klassenzimmern, noch auf den Toiletten. „Warmes Wasser war zu teuer“, sagt die Lehrerin. Wär‘ ja auch zuviel verlangt, schließlich hat der Bau samt Digitalisierung schon 21 Millionen Franken verschlungen.