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Unsere Generation, die wir im Frieden, gebettet auf Wirtschaftswachstum und Wohlstand, aufgewachsen sind, ist zu arrogant wahrzuhaben, dass es nun auch uns getroffen hat. Warum ich das glaube?

Auf meinem Handy landen Links von Experten. Geschickt von Freunden, die ich schätze, bewundere, liebe und brauche (mehr denn je). Gebildete, kluge, kritische Menschen sind plötzlich anfällig für Verschwörungstheorien.

Im Moment schreit ein Experte namens Ernst Wolff herum, dass die Weltgesundheitsorganisation an allem schuld sei. Er tischt uns eine Verschwörungstheorie auf, bei der mir schlecht wird. 1,5 Millionen Mal geteilt.

Bruno Kreisky hatte verdammt recht indem er sagte: „Lernt’s a bissl Geschichte!“ Die meisten Menschen haben vielleicht noch nie etwas von der Spanischen Grippe gehört. Sie wütete 1918 rund um den Globus. Es starben mehr Menschen als im Ersten und im Zweiten Weltkrieg zusammen!!! Zwischen 50 und 100 Millionen Tote!!! Innerhalb weniger Wochen wurde ein Drittel der Weltbevölkerung krank, darunter Gandhi und Kafka. Egon Schiele starb daran. Morgens krank, abends tot, heißt es in vielen Artikeln.

Damals gab es noch keine WHO. Die wurde erst 1948 gegründet. Vielleicht wären weniger gestorben, wenn es die WHO schon gegeben hätte.

Wie sollen denn, eurer Meinung nach, die Regierungen unserer Länder reagieren? Das Virus ignorieren? Wie Trump das versuchte und Bolsonaro es immer noch tut? Oder sagen: „Scheiß auf die alten Leute, die kosten eh nur Geld, es wird billiger, wenn wir sie in ihren Wohnungen verrecken lassen, muss die Öffentlichkeit ja nicht erfahren.“ Irgendwie muss sich eine Regierung entscheiden. Auch wenn sie sich entscheidet, sich nicht zu entscheiden. Aber ich glaube, dass keine Regierung ein Interesse daran hat, die Wirtschaft des eigenen Landes zu ruinieren.

Kritisch bleiben ist gut, hinterfragen auch. Aber ich merke, dass es vielen Menschen sehr schwer fällt zu akzeptieren, dass dieses Scheißvirus jetzt halt da ist. So etwas gibt es seit es Menschen gibt. Nur unsere Generation ist zu arrogant um wahrzuhaben, dass es nun uns getroffen hat.

Es ist wie es ist. Herumschreien nützt nichts. Leben wir damit. Und achten wir darauf, unsere Freiheit und unsere Demokratie, die für uns so normal sind, wieder vollständig zurückzugewinnen, wenn uns der Wahnsinn langsam wieder loslässt.

Lest mehr Bücher.

Laura Spinney: „1918. Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft

Bill Bryson: „Eine kurze Geschichte von fast allem“. Goldmann 2004.

Bill Bryson: „Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge“. Goldmann 2011.

Der Buchladen nebenan braucht uns! Und wir brauchen ihn. Ruft an: